Monika Humm
Hanne Weskott: Auszug aus der Laudatio zur Eröffnung der Ausstellung
Monika Humm: Malerei
Christine Ott: Zeichnung
Galerie Bezirk Oberbayern
München am 8. Juni 2011
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Christine Ott, eine der beiden Künstlerinnen dieser Ausstellung, hat einem ihrer Kataloge den Titel „Über die Verschiedenheit des Gleichen“ gegeben. Wenn man für die Ausstellung hier eine Umdrehung der Wörter vornimmt, erhält man mit. „Über die Gleichheit des Verschiedenen“ einen recht passenden Titel. Denn, es ist überraschend, wie gut sich die Arbeiten von Monika Humm und Christine Ott zueinander fügen. Das ist bei aller Anstrengung, die die Jury bei der Auswahl der Künstler unternimmt, ein echter Glücksfall. Denn, was die für eine Ausstellung sozusagen zwangsweise zusammengebrachten Künstler letztendlich zeigen, kann die Jury nicht wissen.
Dieses geglückte Zusammenspiel hier ist zunächst mal der verwandten Formensprache von Christine Ott und Monika Humm zu verdanken. Beide arbeiten abstrakt. Weder Humm noch Ott malen oder zeichnen Bäume, Häuser oder Menschen, das heißt, der Blick des Betrachters fällt auf ein abstraktes Gefüge von Strichen, Feldern, Balken in Farbe oder Schwarzweiß. Woran sich dieses abstrakte Gefüge aber orientiert, ist bei beiden Künstlerinnen grundverschieden. So verweist Monika Humm ausdrücklich auf die sichtbare Welt als Inspirationsquelle ihrer Kunst. Bei Christine Ott hingegen spielt diese in Bezug auf die Kunst keine wesentliche Rolle.
Wenn Sie also in den Bildern von Humm einen Horizont entdecken oder an Gebäudestrukturen erinnert werden, dann begehen sie kein Sakrileg gegen eine vermeintlich streng abstrakte Malerei, sondern liegen genau richtig. So gibt es von ihr die Werkserie „global“. In ihr tritt die Malerei mit der Fotografie in einen spannenden Dialog, der vom Betrachter aufgenommen und fortgeführt werden kann. In „global“ hat sie Fotos von Häusern mit einer gemalten Struktur überzogen. In der Reihe „transition“, zu der die hier gezeigten Arbeiten gehören, verzichtet sie auf die Fotos als Untergrund und erzielt einen durchaus ähnlichen Effekt alleine durch Malerei. Auch wenn die Bilder von „transition“ nur aus übereinandergelegten Farbbalken bestehen, sind sie nicht nur von rasterförmigen Häuserfassaden inspiriert, sondern erwecken auch den Eindruck, als schaute man durch eine Art vorgelagertes Gerüst in die mehr oder weniger hell erleuchteten Fenster einer Hochhausfassade. Auf jeden Fall täuscht die Malerei einen tiefen, mehrfach geschichteten Raum vor, der unser Auge auf Entdeckungsreise gehen lässt, der aber nicht wie der perspektivische Raum einheitlich konstruiert ist. Das heißt wir werden beim Schauen nicht festgelegt, kein Fluchtpunkt leitet unseren Blick in die Tiefe. Ganz im Gegenteil. Sobald wir mit den Augen in den Raum vordringen wollen, kann es uns passieren, dass wir sozusagen zurückgestoßen werden, weil da vielleicht ein opakes Weiß oder ein leuchtendes Gelb ganz vorne steht. Und der Versuch der Orientierung beginnt von Neuem. Monika Humm sagt, das es ihr ganz wichtig ist, dass ihre Bilder nicht leicht zu begreifen sind, dass sie ein Geheimnis bergen, das den Betrachter anregt, immer von Neuem auf die Suche zu gehen.
Dieser Offenheit der räumlichen Strukturen in den Bildern von Monika Humm entspricht die Grenzenlosigkeit ihrer Malerei. Gerade die Bilder der Transition-Serie erwecken den Eindruck, das sie nur ein Ausschnitt aus einem größeren Ganzen sind, was ja letztendlich auch das Malen in Serien bedeutet. Für einen Künstler, der in Serien malt, ist das eine Bild nie die endgültige Lösung, sondern immer nur eine mögliche Lösung unter anderen. Im Fall von Monika Humm und auch Christine Ott bedeutet diese Grenzenlosigkeit aber auch, dass die Bilder nicht hierarchisch auf eine Mitte hin komponiert sind. Vielmehr könnten sie sich rein theoretisch ohne das Bild als Einheit zu zerstören, nach allen Seiten hin fortsetzen. Ihre Maße sind von den Künstlerinnen bestimmt, werden aber nicht als etwas Absolutes angesehen. Das wäre in einem nach den perspektivischen Gesetzen konstruierten Bildraum nicht möglich. Aber der ist heute nicht mehr die Norm, weil die Kunst sich längst davon befreit hat, die Welt so abzubilden, wie sie das menschliche Auge wahrnimmt. Die Kunst ist autonom und ihre Schöpfungen folgen eigenen Gesetzen. Das hindert Monika Humm nicht, in einer anderen Serie, die sie „indian summer“ nennt, diese Freiheit des „all over“ einzuschränken. Die Leinwandbilder des Indian Summer sind nach den Eindrücken einer Zugreise den Hudson entlang entstanden. Diese Bilder zeigen zwar keine Abbildungen der Realität, nehmen aber in ihrer waagrechten Schichtung doch deutlich die vor dem Zugfenster vorbeifliegende Landschaft auf. Und hier ist das Farbgefüge so intensiv auf einander bezogen, dass die Grenzen des Bildes auch die Grenzen seiner Wahrnehmung sind. Erst in der Reihung drückt sich dann die Bewegung und das Zusammenhängende aus. Dazu kommen noch die warmen Erdfarben, die direkt von der Wirklichkeit eines schönen Herbsttages inspiriert sind.
(...) Meine sehr geehrten Damen und Herren, wie schon eingangs erwähnt, könnte man die Werke der beiden Künstlerinnen auf eine Minimalformel reduzieren. Bei beiden sind mehr oder weniger dicke oder dünne Striche und Farbfelder auf einem Bildträger angeordnet. Aber was würde das über die Kunst schon aussagen? Denn Malerei ist immer, egal ob sie nun abstrakt oder realistisch oder sonst etwas ist, nichts Anderes als die Ordnung der Farben auf der Fläche. Und Zeichnung besteht eben in Wesentlichen aus Linien. Aber das Geheimnis der Kunst ist es, dass sie auf dieser einfachen Grundlage die kompliziertesten, spannendsten und schönsten Werke hervorbringt. Und das haben schon die Maler der Antike gewusst. Deshalb möchte ich Ihnen zum Schluss eine meine Lieblingsgeschichten aus der Kunst erzählen.
Es ist die Geschichte der drei Linien“, die von Plinius d.Ä. überliefert ist. Eines Tages kam der in der Antike berühmte Maler Apelles nach Rhodos, um seinen Kollegen Protogenes zu besuchen. Dieser aber war nicht zuhause. Da malte Apelles einen ganz feinen Strich auf eine der bereitstehenden Leinwände und ging fort. Als Protogenes zurück kam, wusste er sofort, wer ihn besucht hatte und malte mit seinem feinsten Pinsel einen noch dünneren Strich neben den ersten. Kurz darauf kehrte Apelles zurück und malte zwischen die beiden dünnen Striche einen allerfeinsten Strich. Die beiden Konkurrenten beschlossen das so entstandene Kunstwerk aufzubewahren. Und bald galt es als das bedeutendste Kunstwerk überhaupt. Denn in diesen drei Linien zeigte sich nach Meinung der Zeitgenossen die große Kunstfertigkeit der beiden Meister.
© Dr. Hanne Weskott
Säbener Straße 168
81545 München
Text von Tina Hudelmaier, M.A., 2010
ARKATRON
Arkatron, der Titel der Ausstellung löst beim Betrachter sofort eine Kette von Assoziationen aus: Besteht hier ein Anklang an Arkadien, oder befinden wir uns in einer nicht unbedingt ideal gedachten Cyberworld , einer virtuellen Welt, in der Avatare zwischen den Sphären wandeln. Verbirgt sich hinter dem Titel gar eine Anspielung an die kleinen Arkana des Tarot, die die vier klassischen Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde verkörpern.
Das verbindende Element in den Arbeiten von Isabel Haase, Fabian Vogl und Monika Humm ist Wasser und der Besucher ist eingeladen, dem imaginären „Flusslauf“ durch die Ausstellungsräume zu folgen.
Isabel Haase betrachtet in ihrer raumgreifenden Installation Das Rauschen der Zeit Wasser als ursprüngliche Naturgewalt, als eine Kraft, die vom Menschen nicht kontrolliert und beeinflusst ist. Der Titel umschreibt, was der Besucher unmittelbar erfährt, wenn er in den in Dunkelheit getauchten Raum jenseits des Vorhangs vordringt: Er gelangt über einen diffus beleuchteten Steg (Fabian Vogl), aus dessen Ritzen feiner Nebel aufsteigt und dessen Balken bei der Überquerung nachzugeben scheinen, und sieht sich am Ende einem an die Wand projizierten Wasserfall gegenüber - unablässig mit lautem Getöse in die Tiefe stürzend. Zur Komplettierung des Werks hat die Künstlerin mitten in den Raum eine Insel aus großen Steinen und einem Geflecht aus Treibholz gesetzt. Die darauf installierte kleine schwarze Figur mit wehendem Kleid wird zum Mittelpunkt und zugleich zum Schattenriss auf der Projektion. Es bleibt allerdings offen, ob sich die Figur in der Betrachtung des Wasserfalls, gleich in romantischer Versenkung, man denke nur an die Bilder Caspar David Friedrichs, dem Rauschen des Wassers hingibt, über die Vergänglichkeit sinniert oder mit dem Gedanken spielt, sich in die Tiefe zu stürzen.
Darüber nachdenkend tritt der Besucher den Rückweg über den Dampfsteg an, mit dem Fabian Vogl selbst eine Brücke geschlagen hat zu seiner Installation Zeitfluss. Darin versucht er den immateriellen Zeitbegriff sichtbar zu machen. Dafür bedient auch er sich des Elements Wasser. In sieben großen, hintereinander in einer Flucht gestaffelten Tonnen bringt er täglich sieben verschiedene aktuelle Tageszeitungen an einem Spieß an, die durch von der Decke hängende Infusionsschläuche langsam aber stetig mit Wasser betropft werden. Ist Wasser an sich der „Stoff des Lebens“ und werden Infusionen als lebenserhaltende Maßnahmen gesetzt, ist es hier das zerstörerische und erodierende Wesen des Wassers. Spots beleuchten den Moment, den der Künstler durch die Intervallschaltung selbst gesteuert hat und der die Zerstörung und Metamorphose in Gang setzt. Am Ende der Ausstellung werden die vom Wasser verformten Zeitungen als „Zeitskulpturen“ präsentiert, wobei aus jeder Tonne Reste einer eigenen längst vergangenen Wahrheit geborgen werden.
Auch in seiner Performance Walking Water hat sich Vogl eines Pumpsystems bedient. In transparente PVC-Schläuche eingewickelt wird er selbst zur Brunnenskulptur im Garten eines Zisterzienserinnenklosters.
Geht es bei Isabel Haase als auch bei Fabian Vogl um den natürlichen Fluss bzw. die künstliche Kanalisierung des Wassers, findet sich der Besucher in der Installation seaweed von Monika Humm unterhalb des Wasserspiegels wieder. Analog ihrer malerischen Ausdrucksweise geht Humm hier von in der Natur vorhandenen Strukturen des Seetangs aus: Im Dunkel der Ausstellung folgt man wabernden Linien, die über Wände und Boden des Raumes wuchern, sich verschlingen und wieder trennen, zum Ende des Raumes. Mäandernde Formen, die teils dreidimensional von der Wand in den Raum ragen, auf die Wand geklebt oder in sterilem dünnen Edelstahl ausgeführt sind, werden von Licht subtil bestrahlt. Mittels einer Fotoprojektion am Ende des Raumes werden sie mit am Boden liegenden organisch anmutenden Pappmaché-Drahtskulpturen zu einer Einheit verwoben. Im Rhythmus der Projektion verändert sich die Installation stetig, Schatten erscheinen und entziehen sich, Farben verändern sich. Die Verbindung der haptisch erfahrbaren Formen mit projizierten Fotos erinnert an einen sich ständig wandelnden Organismus.
Panta rhei!
Tina Hudelmaier M.A.
Text von Dr. Cornelia Gockel, 2009
„gobal“ – Malerei und Fotografie im Dialog
Der Tod der Malerei ist vielfach beschworen worden, und sie ist regelmäßig wieder zum Leben erwacht. Von der Malerei deshalb als einer anthropologischen Konstante zu sprechen, die außerhalb der Geschichte steht, ist aber genauso falsch, wie die Malerei auf die Selbstbefragung des Mediums zu reduzieren, wie es Johannes Meinhardt in seinem Buch „Das Ende der Malerei und die Malerei nach dem Ende der Malerei“ vorschlägt. Im Zeitalter der modernen Massenkommunikation kann man wohl schwerlich über die Bedeutung der Malerei reden, ohne ihr Verhältnis zu anderen Medien, wie Fotografie, Video und Computerkunst zu beleuchten.
Seit der Erfindung der Fotografie ist die Malerei befreit von der Aufgabe der mimetischen Wiedergabe der Wirklichkeit. Aber spätestens seit der Einführung der digitalen Bildbearbeitung ist auch der Fotografie der Dokumentationswert abhanden gekommen. Im Zeitalter der neuen Medien hat sich unsere Wirklichkeitserfahrung gewandelt. Der sichtbaren Welt begegnen wir heute nicht mehr unmittelbar, primär und unschuldig, sondern vermittelt. Gemeint sind damit nicht allein die Bilder in den Massenmedien, sondern auch die Abbildungen von Kunstwerken in Büchern oder als projiziertes Bild auf einer Leinwand. Streng genommen ist auch das gemalte Tafelbild eine mediatisierte Form der Visualität, da es einer bestimmten Technik, Pinsel und Farbe bedarf. Bei der Malerei bleibt aber noch der handwerkliche Schaffensakt sichtbar, der im Gegensatz zu der Welt der glatten Oberfläche von Hochglanzfotografien und Computer-Displays steht.
Diesen Diskurs trägt Monika Humm auch in den Bildern ihrer neuen Serie „global“ aus. Eine Fotoserie mit Überseecontainern, die sie in großen Hafenanlagen und Containerdepots aufgenommen hat, bildet hier den Ausgangpunkt für ihre Überlegungen. Turmhoch stapeln sich die riesigen Metallbehälter und verdichten sich vor den Augen des Betrachters zu einer undurchdringlichen Wand. Humm hat diesen Eindruck durch die Wahl des Ausschnitts noch verstärkt, so dass sie in ihrer Struktur an ein abstraktes Bild erinnern. Der Vergleich liegt nahe, wenn man sich die älteren Arbeiten von Monika Humm anschaut. Auch hier geht es um das Schichten von Farbflächen, das Übereinanderlegen von Lasuren, bis sich schließlich ein in sich geschlossenes Bildgefüge ergibt. Stabilität bekommen diese Bilder durch eine gitterartige Struktur, die sie mit kräftigen Pinselstrichen in den Bildgrund schreibt.
In ihrer neuen Serie „gobal“ hat sie die Fotografien mit ihrer Malerei verbunden. Ausgewählte Bildausschnitte, die sie auf Holztafeln aufkaschiert, geben eine Struktur vor, auf die sie mit ihrer Malerei reagiert. In den ersten Bildern der neuen Serie geben sie nicht vielmehr als einen Rhythmus vor, der die Malerei strukturiert und belebt. Dicke Farbschichten überdecken sie und lassen das fotografische Abbild nur noch erahnen. Die Bildkomposition wird dominiert durch gestisch, bewegte Pinselstriche und die Spuren dünnflüssiger herab tropfender Farbe. Doch nach und nach erobert sich die Fotografie einen nahezu gleichberechtigten Raum neben der Malerei. Die gitterartigen Strukturen werden gleichsam zu Fenstern, die den Blick auf den fotografischen Ausschnitt freigeben.
Monika Humm beleuchtet seit vielen Jahren in ihren Bildern das Verhältnis von Fläche und Raum, von Vielfalt und Einheit, von Gegenständlichkeit und Abstraktion. In ihrer neuen Serie „global“ gelingt es ihr die Flüchtigkeit des fotografischen Abbilds in einem malerischen Gefüge einzufangen ohne ihr die Leichtigkeit zu nehmen. Malerei und Fotografie stehen sich nicht als Konkurrenten des Visuellen gegenüber, die um die Aufmerksamkeit des Betrachters buhlen, sondern treten in einen spannungsreichen Dialog.
Cornelia Gockel
Bewegungen im Strom - Zur Malerei von Monika Humm
Text von Cornelia Kleÿboldt M.A.
for english version please click here
(...) Wenn die Künstlerin malt, dann ist es, als würde sie an einem Strom partizipieren, der die Kraft ihrer Bilder ausmacht. Es ist, als würde sie untrennbarer Bestandteil dieses Stroms, der sie in Bewegung setzt und der sich als Abbild in der Struktur der horizontalen und vertikalen Linien ihrer Bilder ausdrückt.
Es ist, als würde sich die Künstlerin mit der Wahl ihrer Raum- und Leinwandformate, ihres Farbenspektrums, mit der Wahl der mal flüssigeren und mal festeren Malmaterie, mit breiten und schmalen Pinselquasten auf dieses Eintauchen in den Strom vorbereiten.
Leuchtende Feuerfarben werden dabei oft dem Dunkleren, der Nachtschwärze oder Erdentönen, das Farbige einem strahlend und unwirklich lichten Weiß gegenüber gestellt.
Horizontale Linien werden im Bildraum übereinandergelegt, zusammengepresst, gestapelt und verdichtet. Sie sind von einem immer wieder unterschiedlich gestalteten „Grid", einem mehr oder weniger durchgängigen Grundnetz, aus Senkrechten unterlegt, übermalt oder durchsetzt. (...)
Die Gemälde von Monika Humm sind immer nur ein Ausschnitt aus einem prinzipiell unbegrenzt angelegten Gefüge. Ihr jeweiliger Malgrund dient ihr als Nutz-, Auffang- und Erlaubnisfläche. Ihre Leinwand ist ihr Rednerpult und erweist sich als ein Manifest gelebten und erlebten Lebens. Ihre Handlung ist stets mit dem Resultat gleichzusetzen.
Ihre Gemälde reichen von Anklängen städtischer Eindrücke und ländlicher Idyllen bis hin zu vollkommen autonomen, malerischen Verzeichnungen. Zwischen New York, Westend und Gebirge eröffnen sie einen Ausblick auf in Bewegung versetzte Landschaften und Tiefenräume. Sie erinnern an einen Monet ohne Seerosen oder an einen Manet ohne Geschichten. Sie setzen sich im Betrachter als vieltonig pulsierende Gestaltungen einer lautlosen Musik fort oder wirken wie eine Kalligraphie, die ohne jeden Text auskommt. Und immer wieder besinnen sie sich auch der Mittel und Möglichkeiten einer gegenstandslosen Malerei, die nur das sein will, was sie ist.
Monika Humm ist eine Künstlerin, die mit bahnbrechender Energie weite Wege in kürzester Zeit zurückgelegt hat und dabei an den Hauptnerv ihrer Malerei gelangt ist ... going on!
Juli 2008
Text von Dr. Erika Wäcker-Babnik, 2009
Der Container - Bildsymbol der Globalisierung
Zu den Fotografien von Monika Humm
Die Revolution im internationalen Warenverkehr fand am 26. April 1956 statt. An diesem Tag verließ die "Ideal X" als erster Containerfrachter Port Newark mit achtundfünfzig Behältern, um diese nach Houston zu transportieren. Mit seiner genialen Idee, zuerst ganze Lastwagen auf Schiffe zu verladen, später nur die Anhänger mitsamt ihrer geladenen Behältnisse und schließlich nur noch die Behältnisse selbst, eroberte der Bauernsohn Malcom McLean als „Vater der Containerisierung“ die Welt. Nach 2.000 Jahren löste der genormte und stapelbare Stahlcontainer die Säcke, Körbe und Kisten ab und verwandelte das zeitaufwändige Beladen und Löschen der Schiffe in einen hoch technisierten Akt.
Ungefähr hundert Millionen Container sind ständig auf unserem Globus unterwegs. So vertraut uns der Anblick der farbigen Kisten auf Lastwagen, Zügen und Schiffen ist, so rätselhaft und faszinierend bleibt er: Für uns als Betrachter sind die akkurat übereinander gestapelten Stahlboxen nichts anderes als bunte Bauklötze, die sich weitflächig und haushoch in Containerdepots und auf Frachtschiffen türmen. Die komplizierte Zahlen- und Buchstabenfolge, die dem Eingeweihten Auskunft über Herkunft, Größe und Bauart des Containers gibt, erscheint uns als Geheimcode, sein Innenleben bleibt auf immer ein fest verplombtes, beunruhigendes Geheimnis.
Dem faszinierenden Phänomen des Überseescontainers ist auch Monika Humm erlegen. Auf den Spuren einer neuen Motivreihe für ihr fotografisches Oeuvre, das sie mit hoher Intensität neben ihrer Malerei verfolgt und in kleinformatigen Handabzügen präsentiert, reiste sie ab 2006 in die Zentren des Geschehens, nach Hamburg, Istanbul und Feldkirchen. Ja, Feldkirchen: Fernab der großen Weltmeere befindet sich im Osten Münchens ein Zwischenlager für Container. Während sich der Künstlerin in Hamburg eher die große Szenerie bot – Container, die sich über dreizehn Stockwerke auf den riesigen Frachtschiffen stapeln, wandhoch hinter Kaimauern auftürmen und Kräne dem Löschen der Ladung harren – ermöglichte ihr das Landdepot die Nahsicht: In den close-ups entsteht etwas völlig Neues. Hier geht es nur noch um Strukturen, Farben, Schriftcodes. Die Bildsprache ihrer Fotografie nähert sich in dieser Serie immer mehr ihrer Malerei an, wird schließlich sogar in sie einfließen.
Seit ihrer künstlerischen Ausbildung an der Akademie interessiert sich Monika Humm für Strukturen. In ihren früheren Motivreihen – häufig der Landschaft entnommen – geht es ihr formal immer auch um die Flächen- und Linienverteilung im Raum, um die Komposition eines Bildgefüges, dessen Gegenstand mal mehr mal weniger in den Hintergrund rückt. In den Containern mit ihren horizontalen und vertikalen Strukturen findet sie ein Motiv, das mit den Farbverläufen und Gitterwerken in ihrer Malerei korrespondiert. Im Focus ihres künstlerischen Anliegens steht hier nicht die Dokumentation des globalisierten Warenhandels, sondern die Inspiration zu abstrakten Farb- und Formsetzungen. Der Bildgegenstand „Container“ bleibt dennoch als Chiffre bestehen.
Und Istanbul? Diese Bildserie mag sich formal von den Containerbildern abheben. Und doch entspringt sie demselben Anliegen: Entgegen aller Erwartungen stieß Monika Humm hier nur auf havarierte Schiffe. Leere Frachter fuhren durch den Bosporus, Schiffwracks rosteten auf der asiatischen Seite. Container verwaisten im Depot. Dennoch erweisen sich die Funde in ihrer Morbidität als motivisch äußerst reizvoll, liefern sie doch ein feinmaschiges Geflecht aus Linien und Strukturen, das in seinem Chaos einen Kontrast gegen die klaren, auf Vertikalen und Horizontalen basierenden, großflächigen Container setzt. Innerhalb der Motivreihe „global“ wird die Istanbul-Serie zum Zeichen der globalen Krise.
Erika Wäcker-Babnik
